Stellungnahme über die Berichterstattung deutscher Medien zum

Am 28. September 2024 kam es in Essen zu Bränden in zwei Mehrfamilienhäusern. Kurz darauf fuhr der Brandstifter mit einem Lieferwagen in zwei Geschäfte und bedrohte weitere Menschen. Dabei wurden 35 Personen verletzt, zwei Kleinkinder schwebten in Lebensgefahr. Er legte laut ersten Berichten die vorsätzlichen Brände in Häusern, in welchen Personen lebten, die seine Ex-Frau unterstützen.

Die Staatsanwaltschaft Essen habe nun einen Haftbefehl wegen schwerer Brandstiftung und versuchten Mordes gegen den Mann beantragt (Polizei NRW). Kurz darauf wird in den Berichterstattungen davon gesprochen, dass die „Brände in Essen wegen Trennung von Ehefrau gelegt“ wurden. „Die Brandstiftungen seien ‚das Werk eines Mannes, welcher möglicherweise die Trennung seiner Ex-Frau nicht verkraftet hat.‘“ zitiert die Tagesschau den NRW-Innenminister Herbert Reul (Tagesschau).

Eine Trennung ist jedoch KEIN Motiv für Gewaltakte und versuchte Tötung. Die Bezeichnung einer Trennung als Motiv lässt die Opfer- und Täterrolle miteinander verschwimmen: Ist der Täter nicht auch Opfer (einer zerrütteten Beziehung) – und hat die Betroffene nicht daher auch Schuld an der Tat? Dies suggeriert ebenfalls die Aussage, dass es sich um ein „Trennungsdrama“ handelte (t-online Stand: 28.09.2024, inzwischen überarbeitet). Zwar steht das Wort „Drama“ auch für erschütternde Ereignisse, es verschleiert aber vor allem gezielte und tödliche Gewalt, die sich gegen Frauen und Kinder richtet. Genutzte Begriffe und Formulierungen wie „Trennungs-“ und „Beziehungsdramen“, die Brände seien „aus Liebes-Frust gelegt“ (Krone.at) worden, verharmlosen grausame Gewaltakte. Die Zurückweisung einer Frau ist nie das Motiv eines Mordes, es sind die Besitzansprüche und der Frauenhass des Täters. Nur in wenigen Artikeln wird benannt, worum es sich wirklich handelt: Die Tat eines gewalttätigen Mannes, der vor mehrfachem Mord nicht zurückschreckt. Die Begriffe und Überschriften, die in den Meldungen zu lesen waren, lassen sich ersatzlos streichen, da die konkrete Beschreibung der Verbrechen für sich spricht.

Tödliche Gewalt gegen Frauen hat ein unglaubliches Ausmaß. Laut BKA-Kriminalstatistik versucht allein in Deutschland jeden Tag ein Mann, seine Partnerin oder (Ex-)Partnerin zu töten, jeden zweiten Tag gelingt es. In Deutschland wurden im Jahr 2022, 155 Frauen von ihrem (Ex-)Partner getötet. Mit 79,2 Prozent richten sich Delikte der Partnerschaftsgewalt (sexualisierte Gewalt, Stalking, Bedrohung, Nötigung) hauptsächlich gegen Frauen (UN-WOMAN-Deutschland). Zugleich ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Gewalt in der Partnerschaft in Deutschland sehr hoch. Unter bestimmten Umständen finden es circa 20 % der Deutschen gerechtfertigt, wenn ein Ehemann seine Frau schlägt. Dieser Prozentanteil ist höher als in jedem anderen EU-Land. (vgl. Meltzer 2023, bpb, S.28)

Die Art und Weise, wie Nachrichtenmedien über Gewalt gegen Frauen berichten, hat weitreichende Folgen darüber, wie die Gesellschaft diese Vorfälle wahrnimmt. Es beeinflusst, wie Justiz und Polizei mit solchen Taten umgehen. Dass das Ausmaß von Gewalt in intimen Partnerschaften unterschätzt wird, liegt auch an der unterproportionalen Sichtbarkeit von Gewalt in Paarbeziehungen. Journalist*innen wählen ihre Beiträge nach der Theorie der Nachrichtenfaktoren aus, die sich durch Merkmale wie „großer Schaden“, „Negativität“, „lokale Nähe“ oder „Unerwartetheit“ auszeichnen. Im Gegenzug zu alltäglichen Erlebnissen werden Gewaltverbrechen und Tötungsdelikte überproportional häufig aufgegriffen. So werden stereotype Vorstellungen von Gewalt an die Öffentlichkeit vermittelt. Diese voreingenommenen Darstellungen von Gewalt können verhindern, dass Angehörige oder Betroffene Gewalt nicht rechtzeitig als solche erkennen und keine Hilfe suchen. (vgl. Meltzer 2023, bpb, S.30)

Ein weiterer Faktor ist, dass die mediale Berichterstattung Gewalt gegen Frauen meist als individuelles Problem darstellt, indem sie diese nicht in einen größeren strukturellen Kontext einordnet. Dadurch werden Gewalttaten auch in der Öffentlichkeit als vereinzelte, voneinander losgelöste Ereignisse wahrgenommen und nicht als Teil größerer Strukturen. Gesucht wird die Verantwortung für die Lösung des Problems dementsprechend bei einzelnen Beteiligten – beim Täter, schlimmstenfalls bei der betroffenen Frau. Dabei stehen Gründe für Gewalt insbesondere in Paarbeziehungen in einer Verbindung zu individuellen und sozioökonomischen Faktoren. Gesellschaftliche Überzeugungen und systemische Ungleichheit spielen dabei eine große Rolle. (vgl. Meltzer 2023, bpb, S.31)

Die Studie „Rezeption medialer Frames in der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen“ befragte 700 Menschen und untersuchte die Auswirkungen von verharmlosenden Formulierungen in Berichten über Gewalt gegen Frauen. Das Ergebnis: Es macht einen deutlichen Unterschied, wie Medien darüber berichten.Insbesondere die Perspektive auf das Geschehen ist entscheidend für das Verständnis des Lesers. Nimmt ein Bericht die Sichtweise des Täters ein, führt dies zu einem gesteigerten Verständnis für die Tat, egal wie grausam sie auch sein mag. Durch verharmlosende Begriffe wird weniger Mitgefühl für betroffene Frauen empfunden. Es kommt eher zur Täter-Opfer-Umkehr, zum Victim-Blaming. (LSFH)

Im Fall des Essener Brandstifters wird darüber berichtet, dass die Frau „sich von ihm getrennt“ habe sowie, dass die Frau „inzwischen […] einen neuen Freund“ habe (WDR-Tagesschau). Auch hier wird durch die Art der Berichterstattung der Ex-Frau eine Mitschuld an der Tat zugesprochen. Eine gewaltsensible, geschlechtergerechte Sprache in der Berichterstattung hingegen führt bei den Lesenden zu mehr Mitgefühl mit den Betroffenen. Dem Täter wird mehr Verantwortlichkeit für seine Tat gegeben und es erfolgt eine deutlich realitätsnähere Ursachenzuschreibung in Bezug auf eine Gewalttat. Daher ist eine gewaltsensible Berichterstattung mit präziser Benennung der Situation ohne verharmlosende oder umschreibende Begriffe so wichtig! (pinkstinks) Medien als zentrale Nachrichtenquellen informieren darüber, welches Verhalten von der Gesellschaft als gewalttätig bewertet wird, warum es zur Gewalt kommt, wer die Betroffenen sind, wie die Folgen aussehen und auch welche Gegenstrategien und Unterstützungsangebote existieren.

Auf die Schnelle können bei Gewalttaten fahrlässig und fatal falsche Zeichen gesetzt werden. Die Fehleranfälligkeit jeder Tätigkeit wird durch Zeitdruck erhöht. Bei Eilmeldungen besteht die Gefahr, ein noch unklares Geschehen voreilig zu labeln. Daher begründet auch Froben Homburger, gerade unter Zeitdruck mit möglichst einfachen Worten nüchtern zu beschreiben, was absolut unzweifelhaft ist. Für einordnende Labels ist später noch Zeit.  (Netzwerkrecherche) Dies trifft bei dem Fall in Essen genau ins Schwarze, denn die Zeit korrigierte ihren Artikel und wies darauf hin, dass sich die Brandstiftungen gegen „die […] Familie, von der der Beschuldigte seine Frau und seine Familie bedroht gesehen habe“ richteten (Zeit Online). Und nach weiteren Ermittlungen stehe fest: „Seine Familie lebe in keinem der beiden Mehrfamilienhäuser.“ (derWesten) Auch Diese sind einige der wenigen Artikel, die die wohl falschen Aussagen der voreiligen Berichterstattungen korrigierten. Die Polizei möchte diese Aussagen nicht kommentieren, so bleibt unklar, was nun der Realität entspricht. Nichtsdestotrotz zeigt dieser Fall umso deutlicher, wie deutsche Medien vorschnell und achtlos von Gewalttaten berichten, ohne über die Auswirkungen ihrer Berichterstattung in der Gesellschaft zu reflektieren.

Man(n) tötet nicht aus Liebe! Männergewalt gegen Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Journalist*innen und veröffentlichende Medien tragen eine große Verantwortung in der Diskursgestaltung. Durch fundierte Recherchen und eine differenzierte Betrachtungsweise kann ein wertvoller Beitrag in der Gewaltprävention geleistet werden!

Das Team des Frauenhauses Essen

 

Hilfsangebote bundesweit:

Hilfsangebote in Essen:

Quellen

  • Brände in Essen wegen Trennung von Ehefrau gelegt. WDR-Tagesschau.

https://www.tagesschau.de/inland/regional/nordrheinwestfalen/verdacht-brandstiftung-verletzte-essen-100.html (Stand: 02.10.2024)

  • Essen: Wende nach Brandanschlägen – worum es dem 41-Jährigen wirklich ging. Keßel, Alexander. DerWesten.

https://www.derwesten.de/staedte/essen/essen-brandanschlag-taeter-familie-machete-wende-id301155732.html (Stand: 02.10.2024)

  • Festnahme nach zwei Bränden mit zahlreichen Verletzten – 1. Folgemeldung. Polizei NRW. (29.09.2024)

https://polizei.nrw/presse/festnahme-nach-zwei-braenden-mit-zahlreichen-verletzten-1-folgemeldung

  • Festnahme nach zwei Bränden mit zahlreichen Verletzten – 2. Folgemeldung. Polizei NRW. (01.10.2024)

https://polizei.nrw/presse/festnahme-nach-zwei-braenden-mit-zahlreichen-verletzten-2-folgemeldung

  • Gewalt gegen Frauen in den Nachrichten. Meltzer, Christine E. (2023), in bpb: Aus Politik und Zeitgeschichte. Femizid. 14/2023
  • Gewalt gegen Frauen in Deutschland 2023. UN Woman Deutschland.

https://unwomen.de/gewalt-gegen-frauen-in-deutschland/ (Stand: 04.10.2024)

  • Motiv für die Brandanschläge: Enormer Hass auf die Ex-Frau. T-Online.

https://www.t-online.de/region/essen/id_100499794/essen-brandanschlaege-aus-enormem-hass-auf-ex-frau-trennung-liegt-drei-jahre-zurueck.html (Stand: 02.10.2024)

https://www.krone.at/3541887 (Stand: 02.10.2024)

  • Wer spricht, hat Recht – Studie bestätigt Einfluss von Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen. LSFH (2021)
  • 92 Prozent der gezählten Artikel verharmlosen Gewalt gegen Frauen. Gender Equality Media.

https://genderequalitymedia.org/femizid-karte/ (Stand: 04.10.2024)

https://ab-jetzt.org/wer-spricht-hat-recht-studie-bestatigt-einfluss-von-berichterstattung-uber-gewalt-gegen-frauen/

  • „Eine Sprache der Zuspitzung“ Interview Froben Homburger. In Nestbeschmutzer. Netzwerk Recherche (2024).